Viele Grower gehen davon aus, dass ein Indoor-Grow unabhängig von der Jahreszeit funktioniert. Schließlich steht das Zelt im Keller, die Lampe läuft wie immer, das Düngeschema bleibt gleich. In der Theorie klingt das logisch. In der Praxis ist es einer der häufigsten Gründe, warum Grows im Winter instabiler laufen als im Sommer.
Der entscheidende Fehler liegt im Denken:
Indoor heißt nicht jahreszeitenunabhängig.
Es heißt lediglich, dass äußere Einflüsse abgeschwächt – aber nicht ausgeschaltet – werden.
Der Winter verändert grundlegende Rahmenbedingungen, auf die Pflanzen und Substrate reagieren. Wer diese Veränderungen ignoriert und seinen Grow „einfach wie immer“ fährt, produziert Probleme, die sich später nur schwer einordnen lassen.
Kalte Wurzeln, langsame Prozesse – der unterschätzte Faktor
Der größte Unterschied zwischen Sommer- und Wintergrows liegt selten in der Lufttemperatur, sondern im Wurzelraum. Während Lampen die Luft im Zelt relativ konstant halten, bleibt der Boden – insbesondere in Kellerräumen oder unbeheizten Bereichen – deutlich kühler.
Kühle Wurzeln bedeuten:
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verlangsamte Wasseraufnahme
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reduzierte Nährstoffmobilisierung
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geringere mikrobielle Aktivität
Die Pflanze wirkt oberirdisch oft noch „okay“, während unterirdisch Prozesse deutlich langsamer laufen. Genau hier entsteht ein klassisches Winterproblem: Der Grower düngt nach Schema, aber die Pflanze kann die angebotenen Nährstoffe nicht im gleichen Tempo verarbeiten. Das führt nicht zu besserem Wachstum, sondern zu Anreicherungen im Substrat.
Trockene Luft: Wenn Heizungsluft das System aus dem Gleichgewicht bringt
Im Winter sinkt die absolute Luftfeuchtigkeit drastisch. Kalte Außenluft enthält wenig Wasser, wird sie erwärmt, fällt die relative Luftfeuchte weiter ab. In Growräumen führt das häufig zu dauerhaft zu trockener Luft, selbst wenn das Hygrometer scheinbar akzeptable Werte anzeigt.
Die Folgen sind vielschichtig:
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erhöhte Transpiration der Pflanze
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schnelleres Austrocknen des Substrats
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ungleichmäßige Wasserverteilung im Topf
Die Pflanze verliert mehr Wasser über die Blätter, als sie über die Wurzeln effizient nachziehen kann – insbesondere bei kaltem Wurzelraum. Das stresst das System und verstärkt die Diskrepanz zwischen Wasseraufnahme und Nährstoffverfügbarkeit.
Winter ist keine Hochleistungsphase – auch wenn die Lampe es vorgibt
Ein weiterer häufiger Fehler ist der Versuch, im Winter die gleiche Wachstumsdynamik zu erzwingen wie im Sommer. Hohe Lichtintensität, aggressive Düngung und ambitionierte Wachstumsziele passen jedoch schlecht zu einem Umfeld, in dem biologische Prozesse langsamer ablaufen.
Pflanzen reagieren darauf nicht mit mehr Leistung, sondern mit:
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erhöhter Stressanfälligkeit
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ungleichmäßigem Wachstum
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stärkerer Sensibilität gegenüber kleinen Fehlern
Wintergrows profitieren selten von maximaler Auslastung. Sie profitieren von Stabilität, Konstanz und moderatem Tempo.
Substrat und Mikroorganismen reagieren auf die Jahreszeit
Auch das Bodenleben unterliegt saisonalen Effekten. Mikroorganismen sind temperatur- und feuchtigkeitsabhängig. Sinkt die Bodentemperatur oder schwankt die Feuchtigkeit stärker, nimmt ihre Aktivität ab. Das bedeutet nicht, dass sie verschwinden – aber ihre Arbeit verlangsamt sich.
Im Winter bedeutet das:
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Nährstoffe werden langsamer umgewandelt
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Puffereffekte greifen verzögert
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Fehler wirken länger nach
Ein Substrat, das im Sommer kleine Ungenauigkeiten problemlos ausgleicht, reagiert im Winter deutlich empfindlicher. Genau deshalb eskalieren viele Probleme in dieser Jahreszeit schneller.
Gießverhalten: weniger Rhythmus, mehr Beobachtung
Ein klassischer Winterfehler ist das Beibehalten sommerlicher Gießintervalle. Durch geringere Verdunstung, langsamere Wasseraufnahme und kühlere Temperaturen bleibt Feuchtigkeit länger im Substrat. Staunässe oder dauerhaft feuchte Zonen im Topf sind die Folge.
Das Problem daran ist weniger das Wasser selbst, sondern der Sauerstoffmangel im Wurzelraum. Kalte, nasse Substrate sind ein ideales Umfeld für Stressreaktionen und biologische Dysbalancen.
Wintergrows erfordern:
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längere Trockenphasen
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bewussteres Gießen
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mehr Fokus auf Substratstruktur
Warum im Winter weniger Eingreifen oft mehr bringt
Viele Winterprobleme entstehen nicht durch äußere Umstände, sondern durch den Versuch, diese zu kompensieren. Mehr Dünger, häufigere Korrekturen, zusätzliche Zusätze – all das erhöht die Komplexität eines Systems, das ohnehin langsamer arbeitet.
Ein stabiler Wintergrow zeichnet sich nicht durch Aktivität aus, sondern durch Zurückhaltung:
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konstante Parameter statt ständiger Anpassung
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moderates Wachstum statt maximaler Push
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Geduld statt Reaktionismus
Wintergrows richtig einordnen
Der Winter ist keine schlechte Grow-Zeit. Er ist lediglich eine andere. Wer akzeptiert, dass Prozesse langsamer laufen, Pflanzen sensibler reagieren und Substrate weniger Fehler verzeihen, kann auch in dieser Phase sehr stabile Ergebnisse erzielen.
Probleme entstehen fast immer dann, wenn man versucht, dem Winter sommerliche Bedingungen aufzuzwingen, statt mit den gegebenen Rahmenbedingungen zu arbeiten.
Ein guter Wintergrow ist kein Beweis für maximale Leistung – sondern für gutes Systemverständnis.
Je ruhiger das System geführt wird, desto besser kann es saisonale Einschränkungen ausgleichen.