Grow Wissen

227 Terpene in Cannabis: Warum drei Laborwerte die Pflanze nicht erklären

8 Min. Lesezeit
227 Terpene in Cannabis: Warum drei Laborwerte die Pflanze nicht erklären - CannaSelection®

Vorlesefunktion

Artikel als Audio

0:00 / --:--

Myrcen. Limonen. Caryophyllen. Vielleicht noch Pinene und Linalool.

Wer sich mit Cannabis beschäftigt, begegnet meist immer wieder denselben Terpenen. Auf Produktinformationen und Laboranalysen entsteht dadurch schnell der Eindruck, das Aromaprofil einer Cannabispflanze ließe sich mit einer Handvoll Werte ziemlich vollständig beschreiben.

Eine aktuelle Studie zeigt, wie weit diese Vorstellung von der tatsächlichen chemischen Komplexität entfernt sein kann.

Forscher untersuchten sechs Cannabis-Cultivars mit genomischen Analysen, Genexpressionsdaten und umfangreichem Terpenprofiling.

Das Ergebnis:

227 verschiedene flüchtige Terpene.

Davon waren 88 Monoterpene und 139 Sesquiterpene. Und noch interessanter: Welche davon auftraten und in welcher Zusammensetzung hing deutlich von Genetik, Pflanzengewebe und Entwicklungsstadium ab.

Die spannende Frage lautet deshalb nicht nur:

Wie viele Terpene besitzt Cannabis?

Sondern:

Wie viel von der Pflanze sehen wir überhaupt, wenn wir nur auf THC und drei bekannte Terpene schauen?

Eine der bisher umfassendsten Terpenanalysen von Cannabis

Die Studie trägt den Titel Expansion and functional diversification of terpene synthases shape volatile terpenoid landscape in Cannabis sativa.

Sie wurde 2026 in Acta Pharmaceutica Sinica B veröffentlicht. Das Forschungsteam kombinierte mehrere Methoden miteinander.

Untersucht wurden unter anderem:

  • sechs verschiedene Cannabis-Cultivars
  • 28 Proben aus unterschiedlichen Geweben und Entwicklungsstadien
  • die Genexpression der Pflanzen
  • das Genom hinter der Terpenproduktion
  • die Aktivität verschiedener Terpensynthasen

Die Forscher wollten also nicht einfach nur feststellen, welche Moleküle vorhanden sind. Sie wollten verstehen, warum unterschiedliche Cannabispflanzen unterschiedliche Terpenprofile entwickeln.

Dabei identifizierten sie insgesamt 227 flüchtige Terpene.

Das ist nicht nur eine große Zahl.

Es zeigt vor allem, wie komplex das chemische System hinter dem typischen Geruch und der biochemischen Vielfalt von Cannabis tatsächlich ist.

88 Monoterpene und 139 Sesquiterpene

Die 227 identifizierten Verbindungen teilten sich in zwei große Gruppen.

88 gehörten zu den Monoterpenen.

139 gehörten zu den Sesquiterpenen.

Zu den bekannten Monoterpenen gehören beispielsweise Myrcen, Limonen oder Ocimen.

Bei den Sesquiterpenen finden wir unter anderem Caryophyllen oder Humulen.

Für Grower ist dabei weniger die chemische Systematik entscheidend als eine andere Erkenntnis:

Das Terpenprofil einer Pflanze besteht nicht einfach aus drei oder vier dominanten Molekülen.

Diese wenigen Stoffe sind lediglich der sichtbare Teil eines wesentlich größeren chemischen Fingerabdrucks.

Die Genetik verändert das Terpenprofil massiv

Besonders interessant war der Vergleich der sechs Cultivars.

Die Forscher fanden klare cultivarabhängige Unterschiede.

Bestimmte Terpene tauchten über verschiedene Genetiken hinweg auf. Andere waren wesentlich stärker an einzelne Cultivars gekoppelt.

Die Studie beschreibt damit kein universelles "Cannabis-Terpenprofil".

Im Gegenteil.

Jede Genetik besitzt ihre eigene chemische Architektur.

Ein gutes Beispiel ist trans-β-Ocimen. Bei einem der untersuchten Cultivars war dessen Produktion wesentlich geringer als bei den anderen. Gleichzeitig war auch die Aktivität eines dazu passenden Terpensynthase-Gens deutlich niedriger.

Die Unterschiede im Aroma beginnen damit nicht erst bei Trocknung oder Lagerung.

Sie sind bereits tief in der Genetik der Pflanze verankert.

Aber Genetik ist nicht alles

Die gleiche Pflanze produziert nicht zu jedem Zeitpunkt automatisch dasselbe Terpenprofil.

Die Wissenschaftler untersuchten auch verschiedene Entwicklungsstadien und unterschiedliche Pflanzengewebe.

Und auch dort änderte sich die Zusammensetzung.

Das bedeutet:

Ein Terpenprofil ist kein statischer Fingerabdruck.

Es entwickelt sich mit der Pflanze.

Ein Profil zu einem bestimmten Zeitpunkt ist deshalb zunächst genau das:

Eine Momentaufnahme.

Die Studie fand deutliche Unterschiede abhängig von Pflanzengewebe und Entwicklungsstadium. Besonders Blüten und Brakteen zeigten eine starke Aktivität der beteiligten Terpensynthasen.

Für Grower ist das ein wichtiger Punkt.

Wenn die Produktion bestimmter Terpene während der Entwicklung hoch- oder heruntergefahren wird, kann auch der Erntezeitpunkt einen Einfluss darauf haben, welches Profil am Ende vorliegt.

Die Studie untersucht allerdings nicht, welcher Erntezeitpunkt geschmacklich "der beste" wäre.

Diese Schlussfolgerung dürfen wir daraus nicht ziehen.

Hinter dem Geruch steckt ein ganzes genetisches Netzwerk

Der vielleicht wissenschaftlich spannendste Teil der Arbeit steckt hinter den 227 Molekülen.

Die Forscher untersuchten die sogenannte Terpensynthase-Familie.

Terpensynthasen sind Enzyme, mit denen Pflanzen aus Vorläufermolekülen unterschiedliche Terpene erzeugen.

Im genauer untersuchten Genom von Dinamed Kush identifizierte das Forschungsteam 41 vollständige Terpensynthase-Gene.

Zusätzlich wurden sechs bisher nicht funktionell beschriebene Terpensynthasen experimentell untersucht. Dabei zeigte sich, dass einzelne Enzyme teilweise mehrere Produkte herstellen oder unterschiedliche Vorläufer nutzen können.

Das macht die Sache noch komplexer.

Es gibt nicht einfach für jedes Terpen einen einzelnen Schalter.

Die Terpenproduktion entsteht aus einem Netzwerk von Genen, Enzymen, Vorläuferstoffen und deren Regulation.

Cannabis besitzt damit eher ein chemisches Baukastensystem.

Je nach Genetik und Entwicklungsphase wird dieser Baukasten unterschiedlich genutzt.

227 Terpene bedeuten nicht 227 verschiedene Gerüche

An diesem Punkt ist eine Einordnung wichtig.

Die Studie hat 227 flüchtige Terpene chemisch identifiziert.

Das bedeutet nicht:

Der Mensch kann bei Cannabis 227 einzelne Gerüche unterscheiden.

Es bedeutet auch nicht, dass alle diese Stoffe gleich stark zum Aroma beitragen.

Die Wahrnehmung eines Moleküls hängt unter anderem davon ab, in welcher Konzentration es vorhanden ist und wie niedrig seine Geruchsschwelle liegt.

Ein Stoff kann chemisch nur in geringer Menge auftreten und trotzdem einen starken Einfluss auf den Geruch haben.

Umgekehrt kann ein relativ häufig vorhandener Stoff sensorisch weniger prägend sein.

Die 227 sind deshalb kein "Aromakatalog".

Sie zeigen zunächst die chemische Vielfalt der untersuchten Pflanzen.

Und Terpene sind noch nicht einmal die ganze Aromawelt

Es wird noch komplizierter.

Andere Untersuchungen zeigen, dass typische Cannabisaromen nicht ausschließlich durch Terpene entstehen.

Eine 2023 veröffentlichte Studie untersuchte beispielsweise niedrig konzentrierte flüchtige Verbindungen wie Schwefelverbindungen, Ester, Alkohole und andere Moleküle.

Dabei zeigten sich deutliche Hinweise darauf, dass solche Nebenkomponenten erheblich dazu beitragen können, warum zwei Produkte trotz ähnlicher dominanter Terpene völlig unterschiedlich riechen. Die Studie wurde allerdings von einem Unternehmen aus der Aromastoffbranche finanziert. Dieser Interessenkontext gehört zur Einordnung der Ergebnisse dazu.

Damit wird ein Punkt immer deutlicher:

Cannabisaroma lässt sich nicht auf drei Balken eines Terpenreports reduzieren.

Bedeutet das, dass Terpenanalysen wertlos sind?

Nein.

Das wäre die nächste falsche Schlussfolgerung.

Terpenanalysen liefern wertvolle Informationen über die chemische Zusammensetzung einer Probe.

Dominante Terpene können helfen, Cultivars und Chargen miteinander zu vergleichen.

Sie zeigen aber eben nicht zwingend das vollständige Aromaprofil der Pflanze.

Eine klassische Laboranalyse ist normalerweise eine gezielte Analyse ausgewählter Stoffe.

Die aktuelle Studie verfolgte dagegen einen wesentlich breiteren wissenschaftlichen Ansatz.

Beides beantwortet unterschiedliche Fragen.

Man sollte nur nicht aus einer begrenzten Auswahl gemessener Stoffe ableiten, dass damit die gesamte chemische Identität einer Cannabispflanze beschrieben wurde.

Und was ist mit dem Entourage-Effekt?

Auch hier müssen wir sauber bleiben.

Die Studie untersucht die genetischen und biochemischen Grundlagen der Terpenproduktion.

Sie beweist nicht, dass 227 Terpene gemeinsam eine bestimmte Wirkung auf den Menschen erzeugen.

Sie beweist keinen Entourage-Effekt.

Und sie zeigt auch nicht, dass ein Produkt mit einer größeren Anzahl verschiedener Terpene automatisch besser wirkt.

Die Autoren sprechen zwar von der möglichen Bedeutung von Terpenoiden für cultivarabhängige Eigenschaften und mögliche Wechselwirkungen mit Cannabinoiden. Die Studie selbst untersucht jedoch primär Biosynthese, Genetik und chemische Vielfalt.

Hier sollten Wissenschaft und Marketing klar getrennt bleiben.

Was bedeutet die Studie für Grower?

Für den Anbau liefert die Arbeit trotzdem einige spannende Erkenntnisse.

Die wichtigste davon ist vielleicht:

Qualität ist komplexer als eine einzelne Zahl.

THC alleine beschreibt eine Pflanze nicht.

Ein Gesamtterpenwert beschreibt sie ebenfalls nicht vollständig.

Und selbst drei vermeintlich dominante Terpene erzählen nur einen Teil der Geschichte.

Die Studie zeigt außerdem deutlich, dass Genetik eine zentrale Grundlage für das Terpenprofil bildet. Gleichzeitig verändert sich dieses Profil über die Pflanzenentwicklung.

Damit bestätigt sie etwas, was erfahrene Grower längst beobachten:

Zwei Pflanzen können ähnlich aussehen und völlig unterschiedlich riechen.

Zwei Cultivars können vergleichbare Cannabinoidwerte besitzen und sensorisch trotzdem Welten auseinanderliegen.

Und selbst innerhalb derselben genetischen Grundlage kann der Zeitpunkt der Betrachtung eine Rolle spielen.

Die vielleicht wichtigste Zahl ist deshalb nicht 227

227 ist die Zahl, die Aufmerksamkeit erzeugt.

Die eigentliche Erkenntnis geht aber tiefer.

Cannabis ist keine Pflanze, die wir mit THC plus Myrcen plus Limonen vollständig beschreiben können.

Die aktuelle Forschung zeigt ein hochkomplexes Netzwerk aus Genetik, Enzymen, Pflanzenentwicklung und hunderten flüchtigen Stoffen.

Und selbst diese hunderten Terpene erklären noch nicht zwangsläufig das vollständige Aroma.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Cannabisqualität immer weiter auf einzelne Laborwerte zu reduzieren.

Ein Laborwert ist eine Information.

Eine Pflanze ist ein System.

Fazit: Cannabis ist chemisch deutlich komplexer als sein Etikett

Die neue Studie liefert eine der bisher umfassendsten Analysen der Terpenbiosynthese bei Cannabis.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • 227 flüchtige Terpene wurden in den untersuchten Proben identifiziert
  • davon 88 Monoterpene und 139 Sesquiterpene
  • untersucht wurden sechs Cultivars und 28 Proben aus verschiedenen Geweben und Entwicklungsstadien
  • Terpenprofile unterschieden sich zwischen Genetiken
  • sie veränderten sich abhängig von Gewebe und Entwicklungsphase
  • 41 vollständige Terpensynthase-Gene wurden im genauer untersuchten Genom identifiziert
  • die Studie beweist weder 227 wahrnehmbare Aromen noch einen Entourage-Effekt

Und genau deshalb ist die Studie so spannend.

Nicht weil wir jetzt eine neue Zahl haben, mit der wir Cannabis vermarkten können.

Sondern weil sie zeigt, wie viel wir noch nicht sehen, wenn wir Cannabis auf wenige Prozentwerte reduzieren.

Quelle

Yaolei Mi et al.: Expansion and functional diversification of terpene synthases shape volatile terpenoid landscape in Cannabis sativa. Acta Pharmaceutica Sinica B, Volume 16, Issue 8, 2026, Seiten 5487 bis 5503. DOI: 10.1016/j.apsb.2026.03.035.

Originalstudie bei ScienceDirect

Community Feedback

Hilft dir dieser Beitrag weiter?

Bewerte den Beitrag und teile optional deine Einschätzung mit anderen Lesern. So sehen wir, welche Inhalte wirklich weiterhelfen und wo noch etwas fehlt.

Feedback-Status Noch kein Feedback vorhanden Sei der Erste mit deiner Einschätzung zu diesem Beitrag.

Community-Stimmen

Noch kein öffentlicher Kommentar
Noch kein Community-Feedback vorhanden.

Teile als Erster deine Einschätzung: Hat dir der Beitrag geholfen oder fehlt aus deiner Sicht noch etwas?